Wie kämpfen?
- ruedigerfuniok
- 16. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Das 361 gegründete Kloster des heiligen Antonius in einer Oase der arabischen Wüste Ägyptens
Kämpfen schien lange ausschließlich Männersache zu sein. Aber gab es nicht schon die Amazonen der griechischen Sagen? Und was ist mit den Soldatinnen der Bundeswehr? Kämpfen wird außerdem schnell mit Anwendung von äußerer Kraft oder der neuesten Waffen gleichgesetzt. Aber was ist mit den geistigen Kämpfen? Welche Waffen helfen da?
Eine weitere Frage: Wogegen muss gekämpft werden? Gegen den nationalen Feind, gegen Dummheit und Verblendung im eigenen Land, gegen das Böse in einem selbst? Man sieht, aus der militärischen Sicht wird unversehens eine psychologische und theologische Fragestellung. Welche Vorbilder hält die christliche Spiritualität für diese komplexe Aufgabe bereit?
Da ist zum Beispiel Antonius von Ägypten; sein Gedenktag ist der 17. Januar. Er wurde um 255 in Kome nahe dem mittelägyptischen Herakleopolis als Sohn wohlhabender christlicher Bauern geboren. Als er etwa zwanzig Jahre alt war, starben seine Eltern. In der Kirche hörte er das Bibelwort:
„Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“
Nachdem er seinen Besitz verschenkt und seine jüngere Schwester in die Obhut einer Gemeinschaft geweihter Jungfrauen gegeben hatte, tat er etwas bis dahin Unerhörtes: er zog sich in die Einsamkeit zurück, zuerst in eine Hütte in der Nähe seines Dorfes, später in eine alte Grabkammer. Ein Freund versorgte ihn mit Nahrung und fand ihn dort eines Tages bewusstlos. Nach seiner Genesung zog er 286 weiter in ein verlassenes Kastell am östlichen Nilufer. Dort lebte er, am Rand der Wüste, die nächsten 20 Jahre. Um dem Andrang der Besucher zu entgehen, zog er sich weiter in die Wüste zurück, wo er wohl von 312 an seine letzten Lebensjahrzehnte am Berg Kolzim, in Sichtweite des Golfs von Suez verbrachte. Er starb in sehr hohem Alter, sein Grab blieb auf seinen Wunsch hin unbekannt.
In einer Zeit, in welcher das Christentum nach zwei Jahrhunderten Verfolgung und Untergrundexistenz, öffentlich erlaubt, ja bald staatlich gefördert wurde, begründete Antonius eine Alternative: Der Institutionalisierung des Glaubens stellte er dessen Individualisierung entgegen.
Viele Männer folgten ihm in die Wüste – für Frauen war der Aufenthalt dort zu gefährlich, sie hatten ihre Einsiedeleien am Rande der größeren Städte, zum Beispiel der größten Universitätsstadt der Antike, Alexandria. Die Jünger des Antonius bauten ihre Höhlen oder Steinhütten in Hördistanz voneinander in der unwirtlichen Wüste. Die einzige Bedingung zur Baugenehmigung: einen erfahrenen spirituellen Vater (Abba) zur geistlichen Begleitung für ein Leben in weitgehender Einsamkeit gewonnen zu haben; für ein Leben allein mit sich selbst, mit Gott. Das Alleinsein war zentral für diese neue Lebensform, nicht lange Gebete oder eine strenge Askese.
Wenn wir in die Stille gehen – auch wenn es nur eine halbe Stunde Meditation ist –, machen wir die überraschende Erfahrung: Da ist es nicht ruhig und schön in mir, da geht ein richtiges Chaos los! Was muss ich noch erledigen, wie mache ich es am besten? Dann kommen Erinnerungen hoch, aus den vergangenen Tagen, aber auch früheren Jahren – meist nicht verarbeitete Erlebnisse, seltener schöne Erinnerungen. Sexuelle Phantasien stellen sich ein, vor allem aber Größenphantasien: was ich alles tun und bewegen könnte, wohin ich reisen und wie ich Menschen bekehren könnte: zu einem ökologischeren Lebensstil, zu mehr solidarischem und friedlichen Zusammenleben – auch wenn ich dabei Druck und Gewalt ausüben muss.
Das alles hat Antonius erfahren und ausgehalten. Als er gefragt wurde, was er (neben der körperlichen Arbeit wie Steine klopfen, Matten und Körbe flechten) den ganzen Tag tue, antwortete er zutreffend: Ich kämpfe mit Dämonen. Psychologisch gedeutet sind das bedrängende Vorstellungen, Panikattacken – also innere Erfahrungen, die schwer auszuhalten sind. Sie sollen Antonius in verschiedenen Gesichtern und Masken „erschienen“ sein, um ihn von seinem individuellen Weg der Selbstfindung im Glauben abzubringen. Er hielt diese Versuchungen einfach geduldig aus.
Zum geduldigen Aushalten kam bei ihm das entsprechende Selbstverständnis. Er erzählt: „Ich sah alle Schlingen des bösen Feindes über die Erde ausgebreitet. Da seufzte ich und sagte: Wer kann ihnen entgehen? Da hörte ich eine Stimme, die zu mir sagte: die Demut.“ Kann man das wirklich: das Böse mit Demut überwinden?
Was kann damit heute gemeint sein?
Die Selbsterkenntnis: auch ich kenne das Böse als etwas, das in mir ist; zu dem ich mich immer wieder verführen lasse. Zum Beispiel durch nationalistisches Denken, durch Übernahme diskriminierender Verallgemeinerungen, durch Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden anderer. Demut kann uns daran hindern, das Böse nur auf andere zu projizieren und Feindbilder zu entwickeln. Demut lässt uns zugeben: wir brauchen andere, die an unserer Seite kämpfen und Widerstand leisten gegen ungerechte Verhältnisse, gegen den Aufschub notwendiger Reformen. Und demütig sein heißt, der Versuchung zu widerstehen, für ein gutes Ziel auf menschenverachtende Weise zu kämpfen.
Alte, aber erstaunlich aktuelle Herausforderungen für alle, die für das Gute kämpfen.



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