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Poetisch und aktuell: John Henry Newman


Führ, liebes Licht, im Ring der Dunkelheit,

führ du mich an!

Die Nacht ist tief, noch ist die Heimat weit,

führ du mich an!

Behüte du den Fuß; der fernen Bilder Zug

begehr ich nicht zu sehn –

ein Schritt ist mir genug.

Ich war nicht immer so, hab‘ nicht gewusst

zu bitten: du führ an!

Den Weg zu schauen, zu wählen war mir Lust –

doch nun führ du mich an!

Den grellen Tag hab‘ ich geliebt,

und manches Jahr regierte Stolz mein Herz,

trotz Furcht vergiss, was war.

So lang gesegnet hat mich deine Macht,

gewiss führst du mich weiter an,

durch Moor und Sumpf, durch Fels und Sturzbach,

bis die Nacht verrann

und morgendlich der Engel Lächeln glänzt am Tor,

das ich seit je geliebt, und unterwegs verlor.


(„Lead Kindley Light“; Übersetzung von Ida Friederike Görres)


Dieses Gebets-Gedicht schrieb John Henry Newman 1833 auf der Heimreise von Sizilien, wo er sich eine schwere Infektion zugezogen hatte. 1801 als ältestes von sechs Geschwistern in einer bürgerlichen Familie in London geboren, hatte er schon mit 16 Jahren in Oxford Theologie zu studieren begonnen. Mit 24 Jahren wurde er in der anglikanischen Kirche zum Priester geweiht und arbeitete als Vikar in der der Universitätskirche St. Mary’s in Oxford – damals noch ganz in der gefühlbetonten evangelikalen Frömmigkeitsrichtung.


Durch seine Studien der Alten Kirche begann er, ein rational begründbares Glaubensbe-kenntnis und die Sakramente zu schätzen. Er setzte sich aber auch von der, unter Intellektuellen verbreiteten liberalen Auffassung ab, dass das Glaubensverständnis frei wählbar und Sakramente verzichtbar seien. Schließlich gelangte er zu der Ansicht, dass die römische Kirche die wahre und legitime Fortsetzung der Urkirche sei. Am 9. Oktober 1845 ließ er sich in die katholische Kirche aufnehmen.

Damit verlor er aber fast alle Freunde. Er sollte das akademische Pflaster von Oxford 32 Jahre lang nicht mehr betreten. In Rom erhielt er 1847 die katholische Priesterweihe und wurde führendes Mitglied der Oratorianer, einer Priestergemeinschaft, in Birmingham. Dort war er ein hingebungsvoller Seelsorger für die eher ärmeren Gläubigen dieser Industriestadt. Gleichzeitig verteidigte er 1864 die katholische Kirche gegen Verunglimpfungen eines ehemaligen Dominikaners, wie sie den Vorurteilen vieler Anglikaner entsprachen.


Weil er für die „Befragung der Laien in Sachen der Lehre“ plädierte, also die Bedeutung des „Sensus fidelium“ für die Dogmenentwicklung hervorhob, wurde er von klerikalen Kreisen in Rom der Häresie verdächtigt. Der Sekretär von Pius IX., Monsignore George Talbot, warnte Kardinal Henry Edward Manning, den Erzbischof von Westminster, in einem Brief: „Dr. Newman ist der gefährlichste Mann in England.“

In der Tat war Newman ein intellektueller Geistlicher, der keine Angst vor den Entdeckungen Darwins oder der Bibelforschung hatte. Und er hielt mit Thomas von Aquin am Primat der Gewissensfreiheit fest, im Konfliktfall selbst gegen den Papst. Das war in den Jahren nach der Erklärung der päpstlichen Unfehlbarkeit von 1870 durchaus nonkonform. Aber Newman war inzwischen in England so hochgeachtet, dass der Nachfolger von Pius IX, Leo XIII. 1879 zum Kardinal ernannte.

Newman blieb nach seiner Rückkehr aus Rom für die letzten zehn Jahre seines Lebens ein normales Mitglied des Oratoriums von Birmingham. Er war weiterhin ein den Menschen zugewandte Seelsorger und wollte nur als Father John angeredet werden. Seine Seligsprechung wurde zwar schon nach dem 2. Weltkrieg eröffnet, die Stellen in Rom stöhnten aber über das umfangreiche Schrifttum, das es zu überprüfen galt. Schließlich halfen zwei bestätigte Wunder, dass er im Oktober 2019 heiliggesprochen wurde. Zu seinem Gedenktag wählte man den 9. Oktober, den Tag seiner Konversion zur katholischen Kirche.


In den Beratungen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 – 1965) wurde er immer wieder zitiert, wenn es um die Rolle der 99 % Gläubigen, der Nicht-Kleriker ging. Und im Oktober dieses Jahres berät die Bischofssynode in Rom über „Synodalität“. Das heißt unter anderem, Bischöfe und Priester sollten diesen 99 %, auch den Frauen, aufmerksamer zuhören – obwohl sie selbst nach dem überkommenen Kirchenrecht allein das Sagen haben. Wieder werden einige als häretisch verdächtigt, dieses Mal die Deutschen mit ihrem Synodalen Weg. Mir kommt vor, der heilige, der charmante, der demütig-beharrliche John Henry Newman schaut vom Jenseits herüber und denkt sich: „Das kenne ich doch!“



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