Duftender Abschied

Der 15. August ist in den katholischen Gegenden Deutschlands und in Österreich ein Feiertag. Von Italien-Urlauben kennen wir den „Ferragosto“ als Familienfest mit Ausflügen ans Meer oder in die Berge. In Griechenland ist der 15. Augsut so etwas wie ein Ostern im Sommer, mit einer achttägigen Fastenzeit davor. In den Kirchen gibt es das geschmückte Grab von Maria – so wie bei uns das heilige Grab Jesu am Karsamstag. Das Fest heißt folgerichtig auch „Mariä Entschlafung“ (dormitio) – nicht wie bei uns „Mariä Himmelfahrt“ (assumptio). In vielen Ikonen wird Maria auf ihrem Sterbebett dargestellt, umgeben von den Aposteln; dahinter befindet sich Christus, der die Seele seiner Mutter empfängt.
Die vom Barock inspirierten Darstellungen in unseren Kirchen zeigen dagegen Maria, wie sie in den Himmel emporgehoben wird. Als Pius XII. 1950 die Aufnahme Mariens mit einem feierlichen Dogma definierte, sprach er von der Aufnahme Mariens in die Herrlichkeit Gottes. Herrlichkeit Gottes – das ist nicht oben im metereologischen Himmel, im „sky“. Herrlichkeit ist vielmehr überall dort, wo Menschen die Geborgenheit in Gott erleben, wo sie endgültig erlöst sind, wo es Glück im Sinne von „heaven“ gibt. Eine solche Aufnahme in die Herrlichkeit Gottes erhoffen wir auch für uns, wenn wir sterben.
Das Dogma fügt hinzu, Maria sei im Sterben mit Leib und Seele in die Herrlichkeit Gottes aufgenommen. Wie kann man das verstehen? „Seele“ ist im biblischen Sprachgebrauch die ganze menschliche Person, das unverwechselbare Ich. Wir sind „Seele“, wir haben sie nicht. Beim Begriff „Leib“ denkt die Bibel auch an die ganze Person, aber unter dem Aspekt der Verbundenheit mit der ganzen Schöpfung. Der Leib, der wir sind, ist verbunden mit einem konkreten Körper, den wir haben. Leibhaftig sind wir verbunden mit anderen Menschen, von denen wir beeinflusst sind und die wir beeinflussen. Als einmalige Leibwesen sind wir also bezogen auf andere, auf die Welt um uns in einer bestimmten geschichtlichen Periode.
An die Auferstehung zu glauben, heißt darauf zu hoffen, dass wir leibhaftig, also höchst-persönlich, nicht als Kopie oder Ersatzperson, von Gott gerettet werden. Wir vertrauen darauf, dass Gott dann unsere körperlichen und mentalen Behinderungen verwandelt, die verweigerten oder kaputten Beziehungen heilt, die Folgen unseres Versagens in Liebe auffängt, das Bruchstückhafte unserer Bemühungen vollendet. Aber Gott verwandelt und heiligt uns schon vor unserem Sterben: unser Leib ist immer dann von seinem Geist erfüllt, wenn wir im Geiste Jesu handeln, wenn wir in Liebe über unser schwaches Fleisch hinauswachsen. Wenn die „Auferstehung des Fleisches“, wie es am Ende des Credos heißt, als von Gott geschenkte Möglichkeit aufscheint.
Maria wurde vom Verkündigungs-Engel als „voll der Gnade“, als von Gottes Geist erfüllt begrüßt. Nun, in ihrem Sterben, ist Gott ganz mit und bei ihr. Materielle Anzeichen für die Gegenwart Gottes sehen die Legenden in den Blumen, die da plötzlich auf ihrem Sterbebett waren und einen wunderbaren Duft verströmten. Rainer Maria Rilke dichtet in seinem Zyklus "Das Marien-Leben" über ihren Tod:
... Willst du wissen,
wo die ist, die dir das Herz bewegt –
Sie – sie ward wie ein Lavendelkissen
eine Weile da hineingelegt,
dass die Erde künftig nach ihr rieche
in den Falten wie ein feines Tuch.
Alles Tote, alles Sieche
ist betäubt von ihrem Wohl-Geruch.
Nicht stark wohlriechend, wohl aber mit Heilkraft ausgestattet sind die Kräuterbuschen, die Frauen bei uns für den heutigen Festtag zusammenbinden und die dann gesegnet werden. Sie wurden früher in Ställen aufgehängt, heute oft in die Wohnungen mitgenommen. Sie können uns an die Schönheit und Heilkraft der Schöpfung erinnern – und daran, dass wir ein Teil von ihr sind.



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