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Das Kreuz als Lebensbaum

vor 11 Minuten
3 Min. Lesezeit
Kreuz mit Lebensbaumspiralen in der Kirche San Clemente in Rom
Kreuz mit Lebensbaumspiralen in der Kirche San Clemente in Rom

Die christliche Religion mit dem Kreuzsymbol erkennbar zu machen, geht auf die Regierungszeit von Kaiser Konstantin (306 – 337) zurück. Als er gegen den Mitregenten von Italien, Licinius, zu Felde zog, ließ er auf die Schilde seiner Soldaten das Kreuz zeichnen – und gewann die Schlacht gegen ihn.

Danach baute er in Rom die ersten Großkirchen. Es folgten in Bethlehem die Geburts- und in Jerusalem die Grabeskirche. Am Tag nach deren Einweihung, am 14. September 335, zeigte man dem Volk die Balken des Kreuzes Jesu; Helena, die Mutter Konstantins, hatte sie ausgegraben lassen. Dieses Zeigen des Kreuzes, Kreuzerhöhung genannt, wird seitdem in der Ost- und Westkirche als Fest gefeiert.


Das Kreuz war nicht von Anfang an das zentrale Symbol für das Christentum. Zunächst wurde Christus ohne Kreuz dargestellt: als Arzt oder als guter Hirte. Im frühen Mittelalter war das Kreuz dann ein grünender Lebensbaum, vor dem sich Christus in Siegerpose aufrichtete. Erst im Hoch- und Spätmittelalter wurde dann der blutüberströmte leidende Christus beherrschend; es hatte sich eine Passionsfrömmigkeit entwickelt, auch vor dem Hintergrund der wiederkehrenden Pestepidemien und Kriege.

In unserer heutigen, multireligiösen Gesellschaft steht es Christen gut an, sensibel mit dieser drastischen Darstellung umzugehen. Nur an dieser Form hatte der Vater eines sensiblen Schülers Anstoß genommen und im „Kruzifix-Urteil“ des Bundesverfassungsgerichts (1995) Recht bekommen.

Dennoch bleibt es die zentrale Botschaft des Christentums: Jesus von Nazareth war der im Judentum ersehnte Messias. Er lud alle unterschiedslos ins Reich eines unbegrenzt barmherzigen Gottes ein. Als er mit dieser Botschaft wachsenden Widerstand erfuhr, war er schließlich bereit, wie ein Verbrecher am Kreuz zu sterben. So wollte er die Liebe Gottes „bis ans Ende“ sichtbar machen.

Bis kurz vor seinem bitteren Ende war es anders: Er konnte feiern, er ließ sich zu Gastmählern einladen, und bestimmt hat er bei Hochzeiten wie der von Kana auch getanzt. Mehr noch: Jesus hat das Leiden bekämpft – vor allem das Leiden der Kranken und Verachteten. Aber er begann davon zu sprechen, dass er leiden müsse.

Er war dabei von der Zuversicht erfüllt: Auch wenn ein von Liebe geprägtes Leben zu einer Minderung von äußerem Glück führen kann, ist darin doch das Licht und die Lebenskraft Gottes erfahrbar. Dorothee Sölle formuliert dies für alle, die Jesus darin zu folgen bereit sind:


Je mehr du in die Liebe hineinwächst, in die Botschaft Jesu, um es so ungeschützt traditionell zu sagen, desto verletzlicher machst du dich. ... Wenn du dein Leben verteilst, statt zu horten, dann wird das große Licht in dir sichtbar. Zwar gehst du in Einsamkeit hinein, verlierst oft Freunde, einen Lebensstandard, einen Beruf oder eine sichere Karriere, aber zugleich veränderst du dich. Und das Kreuz, dieses Zeichen der Isolierung, der Schande, des Verlassenseins, wird in diesem Prozess der Baum des Lebens, ohne den du gar nicht mehr sein magst. Das tote Marterholz fängt an zu grünen. Und du weißt auf einmal, wo du hingehörst.

Das Leben zu wählen heißt, das Kreuz zu umarmen. Es heißt, das Kreuz, die Schwierigkeiten, die Erfolglosigkeit, die Angst, allein dazustehen, in Kauf zu nehmen. Die Tradition hat uns nie einen Rosengarten versprochen. Das Kreuz zu umarmen bedeutet heute, in den Widerstand hineinzuwachsen. Und das Kreuz wird grünen und blühen. Wir überlieben das Kreuz. Wir wachsen im Leiden. Wir sind der Baum des Lebens.


(Aus „Den Rhythmus des Lebens spüren“ von Dorothee Sölle)


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