Freude suchen
- vor 4 Tagen
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Glücksgefühle und kleine Freuden stellen sich selten von selbst ein. Wir müssen sie aktiv suchen. Jeden Tag neu.
Diesen Vorschlag hat schon vor vier Jahrhunderten Paul Gerhardt (1607 – 1676) in dem bekanntesten seiner insgesamt 140 Liedtexte gemacht: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“. Als evangelischer Pfarrer in Berlin, Mittenwalde und Lübben/Spreewald hat er die Verheerungen, die Fluchtbewegungen und Pestepidemien des 30-jährigen Krieges (1618 – 1648) hautnah erlebt. Und dennoch formuliert er: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“. In den Gärten und Feldern, die vielleicht vorher verwüstet wurden, aber jetzt wieder erblühen – „in dieser lieben Sommerzeit“.
Mir scheint, der Text passt auch für heute, mit seinen täglichen Katastrophen, Schreckensmeldungen und Problemen. Wir müssen die Schönheiten des Sommers nur wahrnehmen, geduldig und genau hinschauen, zu staunen beginnen.
Von den insgesamt fünfzehn Strophen sprechen mich besonders die ersten drei, die achte und die vierzehnte an. Wie geht es Ihnen? Beim Lesen auch der anderen Strophen kann sich Freude einstellen.
1. Geh aus, mein Herz und suche Freud/ in dieser lieben Sommerzeit/ an deines Gottes Gaben;/ schau an der schönen Gärten Zier/ und siehe, wie sie mir und dir/ sich ausgeschmücket haben.
2. Die Bäume stehen voller Laub,/ das Erdreich decket seinen Staub/ mit einem grünen Kleide;/ Narzissus und die Tulipan,/ die ziehen sich viel schöner an/ als Salomonis Seide.
3. Die Lerche schwingt sich in die Luft,/ das Täublein fliegt aus seiner Kluft/ und macht sich in die Wälder;/ die hoch begabte Nachtigall/ ergötzt und füllt mit ihrem Schall/ Berg, Hügel, Tal und Felder.
4. Die Glucke führt ihr Völklein aus,/ der Storch baut und bewohnt sein Haus,/ das Schwälblein speist die Jungen,/ der schnelle Hirsch, das leichte Reh/ ist froh und kommt aus seiner Höh/ ins tiefe Gras gesprungen.
5. Die Bächlein rauschen in dem Sand/ und malen sich an ihrem Rand/ mit schattenreichen Myrten;/ die Wiesen liegen hart dabei/ und klingen ganz vom Lustgeschrei/ der Schaf und ihrer Hirten.
6. Die unverdrossne Bienenschar/ fliegt hin und her, sucht hier und da/ ihr edle Honigspeise;/ des süßen Weinstocks starker Saft/ bringt täglich neue Stärk und Kraft/ in seinem schwachen Reise.
7. Der Weizen wächset mit Gewalt;/ darüber jauchzet Jung und Alt/ und rühmt die große Güte/ des, der so überfließend labt/ und mit so manchem Gut begabt/ das menschliche Gemüte.
8. Ich selber kann und mag nicht ruhn,/ des großen Gottes großes Tun/ erweckt mir alle Sinnen;/ ich singe mit, wenn alles singt,/ und lasse, was dem Höchsten klingt,/ aus meinem Herzen rinnen.
9. Ach, denk ich, bist du hier so schön/ und lässt du’s uns so lieblich gehn/ auf dieser armen Erden:/ Was will doch wohl nach dieser Welt/ dort in dem reichen Himmelszelt/ und güldnen Schlosse werden!
10. Welch hohe Lust, welch heller Schein/ wird wohl in Christi Garten sein!/ Wie muss es da wohl klingen,/ da so viel tausend Seraphim/ mit unverdrossnem Mund und Stimm/ ihr Halleluja singen.
11. O wär ich da! O stünd ich schon,/ ach süßer Gott, vor deinem Thron/ und trüge meine Palmen:/ So wollt ich nach der Engel Weis/ erhöhen deines Namens Preis/ mit tausend schönen Psalmen.
12. Doch gleichwohl will ich, weil ich noch/ hier trage dieses Leibes Joch,/ auch nicht gar stille schweigen;/ mein Herze soll sich fort und fort/ an diesem und an allem Ort/ zu deinem Lobe neigen.
13. Hilf mir und segne meinen Geist/ mit Segen, der vom Himmel fleußt,/ dass ich dir stetig blühe;/ gib, dass der Sommer deiner Gnad/ in meiner Seele früh und spat/ viel Glaubensfrüchte ziehe.
14. Mach in mir deinem Geiste Raum,/ dass ich dir werd‘ ein guter Baum,/ und lass mich Wurzel treiben./ Verleihe, dass zu deinem Ruhm/ ich deines Gartens schöne Blum/ und Pflanze möge bleiben.
15. Erwähle mich zum Paradeis/ und lass mich bis zur letzten Reis/ an Leib und Seele grünen,/ so will ich dir und deiner Ehr/ allein und sonsten keinem mehr/ hier und dort ewig dienen.
Link zum Text im Evangelischen Gesangbuch:



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