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Erlösung vom Bösen?

  • vor 5 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Bild von Margret Hofheinz-Döring (1910-1994): Faust spricht mit dem Erdgeist. Wikimedia Commons

 

Wenn wir die aktuellen Nachrichten verfolgen, dann kommt es uns vor, als würde das Böse in der Welt ständig zunehmen. Das Böse mit seiner verführerischen Kraft hat Menschen schon immer beschäftigt, zum Beispiel Goethe in seinem Faust. Einen erhellenden Essay dazu habe ich in dem theologischen Online-Feuilleton „Feinschwarz“ gefunden[i]. Christian Geyer schreibt da:

 

Mitten in meinem Nachdenken über das Teuflische im Faust begegnet mir ein Vers aus dem 1. Johannesbrief: „Der Sohn Gottes ist erschienen, um die Werke des Teufels zu zerstören.“ Zerstören. … Wie aber lassen sich die „Werke des Teufels“ zerstören, wenn es nicht um den offensichtlichen Hexentanz in der Walpurgisnacht geht, sondern um die Mechanik, die aus Sehnsucht Gier macht, aus Liebe Besitz, aus Freiheit Verantwortungslosigkeit?

Das griechische Verb lýein ist konstruktiver und vielseitiger als seine deutsche Übersetzung „zerstören“. Das überrascht mich. Die Logik des Bösen wird vom Sohn Gottes nicht aus der Welt geschafft, sondern aufgelöst; der Knoten, der Faust fesselt, verliert seine Bindekraft. Vielleicht reicht es wirklich aus, dass ich mich von den Worten und Taten Jesu berühren lasse, um die eigene Sicht- und Handlungsweise zu ändern.

Einfach ist das nicht. Das Böse entpuppt sich ja als ein System der kleinen Verschiebungen mitten im Leben. … Das Teuflische verführt, indem es die Seele entlastet von der Anstrengung, menschlich zu bleiben. … Der Mechanismus dahinter ist einfach: Die Lüge wird als „nötig“ legitimiert, Verantwortung wird „zu viel“ und Mitgefühl gilt als „naiv“. Es ist der ironische Tonfall, der über Schuld hinweglächelt, bis sie nicht mehr wehtut. Das Teuflische verführt, indem es die Seele entlastet von Scham, von Gewissenbissen, von der Anstrengung, menschlich zu bleiben. Und je öfter ich es mir leicht mache, desto mehr Gewicht verliert mein Leben. Es reduziert sich auf mein individuelles Glück, mein Wünschen und Wollen – ohne Rücksicht auf Verluste.

Und an dieser unbequemen Stelle trifft Goethes Faust den Johannesbrief. Denn auch der johanneische Erlösungsgedanke vernichtet das Böse nicht einfach. Mit ‚Zerstören‘ ist gemeint, dass der Mechanismus des Bösen unterbrochen wird. …

Die Energie wird umgelenkt: Aus Gedankenlosigkeit wird eine reflexive Haltung. Aus Gleichgültigkeit wird gesellschaftliches Engagement. …

Wie aber können diese vielen teuflischen Aktionen gestört und beendet werden? Erlösung vom Bösen ist ja keine Verführung zum Guten, kein besserer Deal, kein glänzenderes Angebot. Erlösung vom Bösen ist die Auflösung dieser Mechanik: das Ende der Deal-Struktur. Nicht: „Gib mir, dann gebe ich dir“, sondern: „Du bist gesehen und geliebt.“ „Du brauchst dich nicht verkaufen.“ „Dein Leben hat Sinn – unabhängig von Deinen Leistungen.“

Trotzdem bleibt das Teuflische Teil der Kraft, die mich umgibt. … Die politischen Verführungen unserer Tage imitieren Erlösung, wenn sie mit einfachen Antworten auf eine komplexe Erschöpfung reagieren. Sie nehmen Sehnsüchte nach Orientierung, Zugehörigkeit, Kontrolle und verschieben ihren Bedeutungsgehalt. Heraus kommt kein Sinn, sondern ein Feind. Hinter „Freiheit“ verbirgt sich Faschismus, hinter „Selbstschutz“ die Aufkündigung der Solidarität.

Der Mephisto unserer Tage spricht vom Volk. Vom Verrat. Von der Wahrheit, die endlich gesagt werden muss. … Mephisto ermöglicht die alltäglichen Bosheiten, die sich gut tarnen lassen. Und dann wartet er auf die vielen kleinen Einverständnisse. Das Einverständnis kommt als ein Achselzucken daher, als Wegschauen, als das Gefühl, dass man ja auch nicht alles kommentieren kann. Hannah Arendt nannte das die Banalität des Bösen. Das Böse beschreibt nicht ein Monster, sondern die Gedankenlosigkeit der Menschen, ihre Verblendung.

Dagegen ist die Erlösung vom Bösen eine Zumutung. Denn Wahrheit, die mich nicht schont, macht mir zu schaffen. An Verantwortung, die ich nicht wegschiebe, trage ich mitunter schwer. Und Liebe, die auch denen gilt, die mir unsympathisch sind, kostet mich Überwindung.

 

Bei dieser, uns zugemuteten Erlösungs-Arbeit lässt Gott uns nicht allein. Im Johannes-Evangelium gibt Jesus nach seinen letzten Worten am Kreuz „seinen Geist hin“ – an alle, die sich an ihm orientieren wollen. Wir wünschen Ihnen diese Oster-Zuversicht.

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